Wirtschaftsflüchtlinge

By | 16. September 2016

Es gibt Menschen, die fliehen in andere Länder, sogenannte „Flüchtlinge“ bzw. die Teilmenge der „Wirtschaftsflüchtlinge“.

Diesen Umstand haben die meisten in letzter Zeit sicher schon am Rande mitbekommen.

Aber wie denken wir darüber, und vor allem: Wieso?
Flüchtlinge
Weit verbreitet scheint inzwischen die Meinung zu sein „Menschen, die wirklich Hilfe brauchen, sollten sie bekommen“ in Kombination mit dem Zusatz „Aber Wirtschaftsflüchtlinge…“, oder „Solange sie sich benehmen und sich Mühe geben“.

Die Frage ist, welches Bild die Person, die so etwas äußert, von fliehenden Menschen hat und woher der Anspruch auf diese Forderungen kommt.

„Menschen, die wirklich Hilfe brauchen, sollten sie bekommen“

Abgesehen davon, dass in dieser Aussage meist die Unterstellung drin steckt, dass einige vermeintlich Hilfsbedürftige gar keine Hilfe bräuchten, kann ich der Aussage zustimmen.

„Aber Wirtschaftsflüchtlinge…“

Was sind Wirtschaftsflüchtlinge? Was haben die Menschen für ein Bild von dieser Worthülse?
Es scheint in die Richtung zu gehen, dass dort Leute statt eines Whirlpools im Garten, lieber eine Yacht hätten, und deshalb nach Deutschland kommen.
Jene Menschen, die dieses Negativbild eines „Wirtschaftsflüchtlings“ teilen, sollten sich einmal fragen, ob sie wirklich glauben, dass diese Art der Probleme Menschen dazu veranlasst, ihr eigenes Land zu verlassen und sich auf eine teure, lange und lebensgefährliche Reise zu begeben.

Man stelle sich eine Familie vor. Sie hat sehr wenig Geld. So wenig Geld, dass die Eltern dem kranken Kind keine Medizin beschaffen können. Sie entscheiden sich, den Vater mit allem was sie haben loszuschicken. Auf eine Reise, in eine Gegend, in der er die Chance hat, sein Kind zu retten.

Wie würde dieser „Flüchtling“ genannt werden?

Fehlt uns wirklich die Empathie, um solch ein Verhalten nachzuvollziehen, oder wollen wir es einfach nicht können?
Wollen wir diese Menschen so konsequent als „anders“ abstempeln, dass wir nicht bereit sind, ihnen zu glauben, dass sie gute Gründe für diese Entscheidung haben?
Gründe, die für uns an ihrer Stelle zu den gleichen Konsequenzen führen würden?

Oft heißt es „Ich würde nicht fliehen, ich würde für mein Land kämpfen!“.
Wieso sind wir so eingebildet, zu glauben, dass wir anders und „mutiger“ entscheiden würden?
Wo wir doch keine Vorstellung davon haben, welchen Problemen diese Menschen wirklich ausgesetzt sind.

Wir haben Essen, Wasser, Medizin, Geld. Natürlich wollen wir hier nicht weg, wir haben alles.
Das gibt uns aber nicht das Recht anderen zu unterstellen, sie hätten schlechte Gründe, um sich auf die Reise nach besserem zu begeben.

Ein weiterer Punkt ist:
Selbst wenn einreisende Menschen „nur“ nach Deutschland wollen, um dort mehr Geld zu verdienen, obwohl sie andern Orts zwar einen niedrigeren Lebensstandard, aber „genug“ haben.
Selbst wenn dem so wäre, dann wäre da nichts Verwerfliches bei.
Das einzige, was in unseren Köpfen Probleme daraus macht, sind Ländergrenzen.
Wenn ich in einer anderen Stadt einen besseren Job, oder Aussicht auf einen Studiengang habe, dann gehe ich dort auch hin. Das ist nichts anderes als das Verhalten, das „Wirtschaftsflüchtlingen“ gern unterstellt wird. Nur, dass es gesellschaftlich akzeptiert ist.
Warum darf ich die Stadt wechseln oder das Bundesland, warum darf ich sogar zum Arbeiten oder Studieren in ein Nachbarland?
Aber wenn es ein paar Meter mehr sind, dann ist es auf einmal ein asoziales Verhalten?

Zum einen sind Wirtschaftsflüchtlinge Menschen, die aus uns unvorstellbaren Gründen gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, und zum anderen hätten wir selbst dann nicht das Recht, sie zu verurteilen, wenn es ihnen gut ginge.

„Solange sie sich benehmen und sich Mühe geben“

Warum dürfen wir diese Ansprüche stellen? Wir haben nicht das Recht mehr von Ankommenden zu fordern, als von uns selbst.
Wir leben glücklicherweise in einem Sozialstaat. Wenn dieser für die einspringt, die hier geboren wurden, dann sollte er auch für die einspringen, die hier ankommen.
Wenn wir entschieden haben, dass wir Menschen eine Grundsicherung zukommen lassen, auch, wenn sie nicht arbeiten, dann muss das für alle gelten. Natürlich kann man darüber geteilter Meinung sein, aber solange es so ist, dass unser Überleben hier gesichert wird, gilt das für alle, egal ob sie vom Mond kommen oder von nebenan. Egal ob es sympathische oder unsympathische Menschen sind.

Abgesehen davon ist das Problem hier eher umgekehrt. Man muss sich einmal klar machen, wie schwierig es für Asylsuchende ist, hier ein Leben aufzubauen. Selbst wenn der Wille dazu enorm groß ist.

Ethisch gesehen ist die Sache klar und einfach

Menschen suchen sich nicht aus, wo sie geboren werden, unter welchen Umständen sie leben oder welchen Gefahren sie ausgesetzt sind.
Es ist nicht fair, Menschen abzusprechen, dass sie gute Gründe für ihre Entscheidungen haben.
Und es ist ebenfalls nicht fair, Menschen die hier geboren wurden besser zu behandeln, als die, die neu hierhin kommen.

Besorgniserregender ist die Abneigung und der Hass, der hier erfahren wird, und der damit einhergehende Teufelskreis, sich nicht in die Gesellschaft einbringen zu können oder sich zugehörig zu fühlen.

Stellt euch vor, ihr kommt wo an, wo ihr euch ein besseres Leben erhofft, und werdet begrüßt mit „Raus mit dem Dreck!“ oder hasserfüllt angeschrien mit „Wir sind das Volk!“.

Wie entwickelt sich das wohl langfristig?

2 thoughts on “Wirtschaftsflüchtlinge

  1. Karin Johann

    Und ich sag noch – einfach mal den Blickwinkel ändern. Toll geschrieben. Genau so ist es..

    Reply

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