Vorurteile über Vorurteile

By | 5. September 2015

vorurteileDie Türen der ausnahmsweise pünktlichen Bahn öffnen sich.
„Vorurteile. Immer diese Vorurteile“
Kopfschüttelnd steige ich in die Bahn.

„Das darf doch wohl nicht wahr sein. Wieso merken Menschen nicht, dass sie ständig völlig voreingenommen gegenüber allem und jedem sind?“, murmle ich in mich hinein.
Ich drängele mich an einer Frau vorbei. Sie hat ihre zu den Spitzen hin gefärbten Dreads zu einem lockeren Zopf zusammengebunden. Mein Blick wandert an ihrem Körper nach unten. Sie hat Schuhe an.

„Vielleicht merken sie es ja, verstehen aber nicht, dass die Kriterien völlig willkürlich gewählt sind.
Man macht negative Erfahrungen mit anderen Menschen und das erste was einem auffällt ist die Hautfarbe, oder das Geschlecht, oder die Herkunft. Und selbst wenn jeder blöde Typ der einem begegnet grüne Augen hätte, man würde dadurch dennoch niemals ein Vorurteil gegen grünäugige entwickeln. Nein, es muss immer die Hautfarbe oder das Geschlecht sein. Oder die sexuelle Orientierung.“
Weiter hinten in dem Abteil sichte ich einen leeren Platz.

„Aber wären nur einige von ihnen türkischer Abstammung, so würden sie doch sofort verallgemeinern. Dann wären es alle Türken, die doof wären. Oder gar Ausländer als solche.“
Auf dem Sitz daneben sitzt ein Dunkelhäutiger. Das freut mich, die sind immer gechillt und trotzdem sportlich. Ich habe mich heute auch mal wieder sportlich gefühlt, als ich mit dem Fahrrad zum Bahnhof gefahren bin. Hoffentlich habe ich es weit genug abseits abgestellt.

„Und wenn man erst einmal solch eine vage Hypothese aufgestellt hat, dann nimmt man alles Weitere doch auch nur in dem Licht wahr. Das sollte man den Menschen mal erklären. Alles, was nicht in die Hypothese passt, wird zur ‚Ausnahme‘ und auf alles, was die Vorurteile stützt, achtet man besonders.“
Auf dem Weg zu dem Platz stolpere ich über eine Tasche. Die hat bestimmt einer von den rücksichtslosen Jungs da hingeschmissen. Will er mit diesem Kaugummi-Gekaue eigentlich jemanden auf sich aufmerksam machen?
Oh, Moment, nee, sie stammt von der alten Dame, die wohl zu schwach ist, das Gepäck auf die Ablage zu hieven und es deshalb hilflos im Gang abstellen musste, weil ihr die jüngeren Generationen natürlich nicht helfen wollten. Das ist wieder so typisch.

„Man sollte sich der subjektiven Wahrnehmung einfach bewusst sein. Kann die Schule das nicht vermitteln? Man sollte einfach wissen, dass diese Hypothesen höchstwahrscheinlich falsch sind.
Und selbst wenn sie richtig sind, insofern, als dass man beispielsweise jahrelang nur blauäugigen Menschen begegnet ist, die einem ins Gesicht geschlagen haben – oder nee, nehmen wir Braunäugige, das ist authentischer – , so müsste man doch eigentlich die Möglichkeit zulassen, dass der nächste Braunäugige anders ist!“
Ich setze mich auf den Stuhl. Die Leute gucken immer alle so grimmig, aber was soll man in Deutschland auch anderes erwarten. Ich möchte nicht grimmig gucken. Ich fange an zu lächeln.

„Aber wäre das ein legitimer Lerneffekt, sich bei der nächsten Begegnung mit einem Braunäugigen weg zu ducken? Das ist eine schwierige Frage. Wäre das nicht diskriminierend? Er könnte ja ausnahmsweise auch mal nicht ausholen und zuschlagen. Andererseits wäre es doch fast schon dumm, aus seiner bisherigen Erfahrung nicht zu lernen, auch wenn sie subjektiv ist.“
Ich denke angestrengt nach, und merke deshalb erst spät, wie sich nasse Kälte unter meinem Gesäß ausbreitet. Ich schrecke hoch.

„Man müsste sich zumindest seines möglichen Irrtums bewusst sein.“
Wie ekelig, das ist bestimmt Bier.

„Funktioniert eine Welt ohne Vorurteile, wenn Vorurteile im Grunde nur subjektive Lerneffekte sind? Wenn man mal davon absieht, dass meist die falschen Eigenschaften gewählt werden. Dann hieße das Phänomen ‚Vorannahme‘ und beschriebe auch die positiven Lerneffekte. Wenn ich immer verletzt werde, dann kann ich neuen Menschen irgendwann nicht mehr vertrauen. Ich habe das Vorurteil, dass sie nicht vertrauenswürdig sind. Aber umgekehrt geht es doch genau so!“
Ich versuche verzweifelt die nasse Hose trocken zu reiben. Meine schöne Markenhose, die ich mir mühsam erarbeitet habe. Hätte das nicht dem Typen mit seiner no-name Billighose passieren können?

„Wenn ich positive Erfahrungen mit Menschen gemacht habe, dann begegne ich anderen Menschen auch positiver. Ebenfalls nur eine Vorannahme. Aber eine positive. Resultieren diese Dinge nicht aus dem selben Lernphänomen? Nicht nur gegenüber Menschen, sondern auch gegenüber Gegenständen? Wenn ich eine Kiste mit vollen Wasserflaschen habe, aber eine davon ist leer, und ich will sie anheben – die Flasche, nicht die Kiste – , dann werde ich zu viel Kraft aufwenden, und die Flasche praktisch hoch reißen. Ist das auch ein Vorurteil gegenüber einer Wasserflasche? Nur, weil sie in einer Kiste mit hauptsächlich vollen Flaschen steht, muss sie ja nicht selbst voll sein. Es muss doch einen Unterschied zu Vorannahmen oder Vorurteilen bezüglich Menschen geben!?“
Ich gehe zum nächsten freien Sitzplatz. Bevor ich mich setze, streiche ich mit der Hand über den Stoff.

„Menschen sind komplex und unberechenbar, sowohl im positiven, als auch im negativen. Eine Vorannahme über einen Menschen mag subjektiv sinnvoll sein. Insbesondere, wenn es positive sind. Aber sowohl bei positiven, als auch bei negativen muss einem bewusst sein, dass es eben nur eine Annahme ist.“
Ich setze mich auf den scheinbar trockenen Sitz.

„Ich glaube, wenn sich jeder dessen bewusst ist, dann würde viel Diskriminierung erspart bleiben. Vor allem darf man niemals Emotionen wie ‚Hass‘ in die Vorannahmen einfließen lassen. Solch starke Emotionen vernichten den letzten Rest an Selbstreflektivität. Es macht mich so wütend, dass die Menschheit so hasserfüllt ist.“
Ab jetzt werde ich Sitze immer auf Trockenheit prüfen, bevor ich mich setze. Aber was, wenn der Stuhl trocken, aber instabil ist?

„Können nicht alle Menschen einfach positiv eingestellt, sich ihrer schlechten subjektiven Wahrnehmung bewusst, und in der Lage zur Selbstreflexion und Korrektur ihrer Vorannahmen sein? Jeder soll sich seiner Vorannahmen bewusst werden, realisieren, dass sie alltäglich sind und aufhören, sie als Anlass zur Diskriminierung zu verwenden!“

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