Verschwommene Sicht

By | 3. Mai 2017

Ich sehe vom Hügel hinunter in das neblige Tal.
Hoffentlich bin ich noch nicht zu spät.
Mein Puls ist hoch, mein Atem hektisch. Ich war gerannt und hatte gerade die letzten Höhenmeter stolpernd zurückgelegt.

Die unerbittlichen Schreie, die ich aus dem Nebel heraus vernommen hatte, durchdringen noch immer mein Mark.

Ich kann zirka fünf Silhouetten erkennen, die im Kreis stehen. Ihr panisches Opfer muss sich in der Mitte befinden.

Vor einigen Tagen war ein Kind aus unserem Dorf verschwunden. Vielleicht liegt es dort unten in höchster Gefahr.

Wenn ich doch nur genauer sehen könnte, was dort passiert.
Welche kranken Wesen üben solche Grausamkeiten aus?

Ich wische mir mit zitternden Händen den Schweiß von der Stirn. Auch in mir machte sich Panik breit.
Was soll ich tun?

Wenn ich noch länger überlege, ist es vielleicht schon zu spät.
Aber was, wenn sie bewaffnet sind?

Die angsterfüllten Schreie holen mich aus den Gedanken in die Realität zurück.
Ich kneife die Augen zusammen und starre in die Mitte des Kreises, wo ich das Opfer liegend zu erkennen glaube.

Mit großen Mühen erkenne ich Umrisse. Es scheint zu strampeln.
Doch Fesseln hindern es an der Flucht.

Eine der Silhouetten bewegt sich auf das Kind zu.

Instinktiv renne ich los. Dass ich mich in Lebensgefahr begebe, spielt in diesem Moment einfach keine Rolle, ich muss dieses unschuldige Leben retten.

„Ich muss sie aufhalten!“, wiederholt es sich in meinem Kopf.

Ich renne den Hügel so schnell hinab, dass ich meine Schritte nicht mehr kontrollieren kann. Ich spüre meine Beine nicht, sie bewegen sich automatisch.
Die Silhouette wird schärfer und ich erkenne, dass sie ausholt, einen spitzen Gegenstand in der Hand.

„Neeeiin!!“, schreie ich.

Ich stolpere, schlage mir großer Wucht auf den Boden und überschlage mich.

Ein letzter Aufschrei bohrt sich in meine Ohren, während ich orientierungslos und mit Schmerzen in dem feuchten Gras liege.

Meine Augen füllen sich mit Tränen, während ich versuche, mich aufzurappeln.
Wut, Zorn, Trauer und Angst durchströmen mich. Mir ist schlecht.

Ich blicke in Richtung der verschwommenen Gestalten und starre auf das leblose Etwas, das angebunden vor ihnen liegt und vor wenigen Sekunden noch geschrien und um sein Leben gestrampelt hat.

Als ich erkenne, was es wirklich ist, spüre ich eine riesige Erleichterung.
Ich hatte diesen ganzen Alptraum völlig umsonst durchlebt.

Es war nur ein Tier.

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