Veganer sind intolerant!

By | 23. Oktober 2017

Kennt ihr sie, die Tierrechtler*innen, die ständig „missionieren“ wollen?
Die allen Leuten auf die Nerven gehen und ihnen ihre Weltsicht aufzwingen wollen?
Die sowohl von außen als auch innerhalb der Tierrechtsbewegung oft kritisch gesehen werden?
Jene militanten, radikalen, intoleranten Veganer*innen, die ständig überzeugen wollen?

Genau zu dieser Kategorie werde ich gezählt.

Mit dem Vorwurf der Radikalität kann ich leben. Ich denke, man kann das Problem der Tierausbeutung ruhig an der Wurzel packen und es einfach vollständig unterlassen.
Ich unterscheide mich damit von jenen, die in diesem Bereich eine „weniger“- oder „Ausnahmen“-Mentalität haben. Das sei zunächst erst einmal wertungsfrei.

Da das radikale Ablehnen von Gewalt gegenüber Tieren gesellschaftlich aber noch negativ konnotiert ist, stellt man sich mich dann eher mit Sprenggürtel vor.

Das ist aber nicht richtig. Ich bin in der Thematik einfach nur so radikal, wie andere Menschen auch Gewalt gegenüber Menschen ablehnen. Ich bin auch radikal pazifistisch.

Da denkt man sich natürlich jetzt gern irgendwelche Dilemmaszenarien aus, in denen Gewalt gegenüber Menschen oder Tieren dann doch eine realistische Option ist, aber das ändert nichts daran, dass ich Gewalt einfach ablehne.

Nicht mehr und nicht weniger. Ich lehne Gewalt ab. Gegenüber Menschen und Tieren. Und zwar nicht mit „ein bisschen weniger Gewalt“, sondern utopischerweise gar keine.

Deshalb bin ich radikal.

Der Vorwurf der Intoleranz ist aber noch ein anderer. Und zwar halte ich den für unangebracht.

Aus der anderen Perspektive wird oft übersehen, welch enorme Leistung der Toleranz selbst von den „militantesten“ Tierrechtler*innen aufgebracht wird.

Toleranz bedeutet das Akzeptieren von Dingen, über die man nicht erfreut ist.
Ethische Toleranz ist somit nicht unbedingt so positiv zu werten, wie sie klingt.

Stellen wir uns eine Situation vor, in der wir Zeugen einer Gewalttat sind. Und zwar einer Gewalttat zwischen zwei Menschen, bei dem man die eine Rolle als Täter und die andere als Opfer bezeichnen könnte.

Wer würde nun das Tolerieren der Tat als positiv empfinden? Die meisten würden es richtig finden, im Rahmen der Möglichkeiten einzugreifen. Begriffe wie „Zivilcourage“ bezeichnen also im Grunde das Gegenteil von ethischer Toleranz.

Die Mentalität „Eingreifen statt Wegschauen“ ist also im allgemeinen Konsens durchaus erstrebenswert.

Wechselt man nun die Perspektive und betrachtet Tiere auch als moralisch relevant, so wäre es beispielsweise plausibel einzugreifen, wenn man sieht, wie jemand seinen Hund schlägt.

Wenn ich als Tierrechtler aber vor einem Schlachthaus stehe und nicht eingreife um im Rahmen meiner Möglichkeiten weitere Tode zu verhindern, dann toleriere ich die Gewalt gegenüber Schwächeren.

Wenn ich sehe, wie Menschen Geld für das Töten von Tieren bezahlen, dann schaue ich weg.
Ich spreche sie beim Einkaufen nicht einmal darauf an.

Die Gesellschaft muss lernen, dass sie ihr Bild von „Toleranz“ nicht nur aus der eigenen Sicht betrachten darf. Um Toleranz zu bewerten muss die jeweilige Perspektive eingenommen werden.

Und wenn man das tut, stellt man fest, dass aus Tierrechtssicht überall direkt oder indirekt Gewalt gegenüber Schwächeren ausgeübt wird, die als ethisch verwerflich zu werten ist.

Und überall dort, wo Tierrechtler*innen wegsehen, nichts unternehmen, gute Miene zum bösen Spiel machen und nicht eingreifen, sind sie tolerant.

Meine These ist, dass der Weg in die Tierrechtsszene erfordert, dass man eine völlig neue Toleranz lernt, die in der Mainstreamethik gar nicht vorhanden ist. Das ist notwendig, um in der Gesellschaft klar zu kommen.

Es ist ein Kompromiss, der idealistisch gesehen sehr unangenehm und frustrierend ist. Und da das nicht genug ist, wird man trotzdem als intolerant bezeichnet.

Ich habe gelernt, nicht mehr in „Gut und Böse“ einzuteilen Ich habe gelernt, dass hinter Handlungen immer Gründe stecken und dass gesellschaftliche Phänomene und individuelle Charaktereigenschaften höchst komplex sind.

Ich verurteile niemanden, ich kritisiere höchstens einzelne Handlungen. Und das nur, wenn ich die Details dahinter kenne.

Krieg, Streit und Gewalt zwischen Menschen basiert so oft auf Vorverurteilungen.

Wenn jemand stiehlt, betrügt, verprügelt oder andere Formen der Gewalt ausübt, ob gegen Mensch oder Tier, gegen Freund oder „Feind“, dann gibt es zwei Perspektiven.
Es gibt die Betroffenen, die gegebenenfalls Qualvolles erleiden, aber es gibt auch die Perspektive des Täters.
Im Kleinen gehen Freundschaften kaputt und im Großen gibt es Kriege.

Ich weiß, dass die tollsten Menschen Fleisch, Ei und Milch konsumieren können. Ich finde die Handlung verwerflich, aber nicht den Menschen schlecht.
Und ich verurteile niemanden, der sich von gesellschaftlichen Bewegungen zu größten Gräueltaten mitreißen lässt, wie wir sie oft in der Geschichte hatten oder haben.

Aber es ist immer eine Frage der Perspektive.
Und wie würde man einer Generation, die in einer veganen Gesellschaft aufgewachsen ist erklären, wie „früher“ alles einfach so hingenommen wurde?
Sie haben hoffentlich gelernt, dass wir nicht böse sind, nur weil wir für das brutale Abschlachten von Tieren bezahlen und nichts dagegen tun.

Und deshalb bin ich radikal gegen Gewalt gegen Mensch und Tier.
Und deshalb verurteile ich trotzdem niemanden.
Und deshalb ist es eine große Toleranzleistung von mir, dass ich zwar oft das Thema anspreche und dafür auf die Straße gehe, aber niemanden im Supermarkt anschreie, der*die Billigfleisch, Milch, Käse oder Eier kauft.
Und deshalb ist es wichtig, dass Tierrechtler*innen nicht nur wegsehen, sondern etwas unternehmen.

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