Ich habe ein bisschen Angst

By | 17. Dezember 2014

„Ich habe ein bisschen Angst.“
Der Morgentau tropft von den Blättern, das Wetter ist schwül und ein seichter Nebel liegt in der Luft.
„Aber wovor denn? Es kann uns doch nichts passieren.“, tröstet mein Vater mich, „Hier, sieh hier durch! Was kannst du sehen?“.
Ich greife nach dem Fernglas, das er mir vor die Nase hält. Es hat schon einiges mitgemacht. Ich trete einen Schritt vor, schlage einige Blätter zur Seite und sehe über den Hügel. Dort unten waren sie. Ich presse mir mit beiden Händen das Fernglas vor die Augen und lasse den Blick durch den Dschungel wandern. Wir hatten uns weit in die Natur vorgekämpft. Die betonierte Stadt, die uns vor einigen Stunden noch umgab, lässt sich an diesem Ort kaum noch erahnen. Human ForestHinter riesigen, respekteinflößenden Bäumen konnte ich sie erkennen. „Wilde“ nennt man sie. Seltsame Unterkünfte aus Holz und Blättern waren zwischen den Bäumen zu sehen.
„Sag schon! Was kannst du erkennen?“, wiederholte mein Vater.
„Ich weiß nicht. Ich sehe niemanden.“
„Wahrscheinlich sind sie wegen der Nässe noch in ihren Hütten.“
Ich kneife die Augen zusammen und schwenke langsam weiter nach rechts.
„Da! Dort drüben ist ein Rudel!“, rufe ich aufgeregt, „Das Weibchen, das gerade ihren Nachwuchs säugt ist sehr mager. Aber ein kräftiges Männchen steht daneben.“
„Pssst! Sie dürfen uns nicht hören! Oder willst du, dass sie flüchten und wir mit leeren Händen heimkehren?“, bekomme ich erwidert.
„Nein. Tut mir leid!“
„Ist schon okay! Reich mir lieber die Patronen!“
Ich streife meinen Rucksack ab, wühle etwas darin herum, und reiche ihm dann die Munition.
„Das Weibchen und sein Junges lohnen nicht. Wir nehmen das Männchen.“, beschließt er und legt sein Gewehr an. „Oh ja, du hast recht! Ein sehr breites Kreuz! Das wird ein Festmal heute Abend!“, freut er sich, während er durch das Zielrohr guckend seine Waffe entsichert.
„Du Papa?“
„Was ist denn?“
„Leiden sie, wenn wir sie erschießen?“
„Ach, mein Junge“. Er setzt sein Gewehr ab, und wendet sich fürsorglich zu mir.
„Sie werden nichts spüren. Ich werde ihm einen Blattschuss verpassen. Der Schuss ist ziemlich sicher – keine 30 Sekunden, dann ist er tot. Also keine Sorge! Diese Geschöpfe werden nicht leiden.“
„Manchmal, …“, ich muss mich überwinden, den Satz zu beenden. „Manchmal tun sie mir trotzdem leid. Sie leben zwar anders als wir, und sie kleiden sich anders, aber sind wir ihnen nicht im Grunde ähnlich?“
„Jetzt wird es doch albern. Ihre Lebensweise ist bei weitem nicht so weit entwickelt wie unsere. Das kannst du nicht vergleichen!“, er wendet sich wieder seinem Gewehr zu, und visiert das Ziel an.
Das Weibchen hat ihr schreiendes Junges auf dem Arm und versucht es zu beruhigen.

„Sieh,“, fordert mich mein Vater auf, während er seinen Finger auf dem Abzug hält, „ sie sind glücklich. Sie hatten ein tolles, lebenswertes Leben. Und ich habe dir schon gesagt mein Sohn, dass man ihren Bestand ausdünnen muss, weil sie sonst unseren Wald zerstören.“, er macht eine kurze Pause, „Sie hatten ein erfülltes, freies Leben. Eines Tages, mein Junge, wirst du das verstehen!“
Und sein Finger krümmt sich.

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