Die Toiletten

By | 10. November 2015

ToilettenAls ich klein war, hatte ich viele Freunde und kam mit sehr vielen Menschen klar. Auch beste Freunde hatte ich. Mit meinem besten Kumpel habe ich vieles erlebt. Mit der Zeit wurde das andere Geschlecht für unsere Jungen-Clique immer interessanter. Ich merkte, dass ich mich nicht ganz mit meinen Freunden identifizieren konnte. Sie schienen nach anderen Dingen zu streben als ich.

Ich fand Mädchen nicht blöd, ich fand sie lediglich einfach nicht auf die Weise interessant, wie meine Freunde. Mich verletzte es, wenn mein bester Kumpel mich versetzte und wenn er von Mädchen schwärmte. Ich wollte nicht auf seine Aufmerksamkeit verzichten! Ich brauchte relativ lange, bis ich mich ernsthaft fragte, was mit mir los sei.

Anfangs wollte ich es nicht wahr haben. Wieso sollte ich mich zu Menschen gleichen Geschlechts hingezogen fühlen? Hatte ich irgendetwas falsch gemacht? Ich konnte mit niemandem darüber reden. Wer würde das verstehen? Meine Freunde machten sich ab und zu über Jungen mit weiblichen Zügen lustig. Sie benutzten die entsprechende sexuelle Ausrichtung oft als Beleidigung. Nein, ich weiß nicht, inwiefern sie sich dessen bewusst waren. Vielleicht war es ja einfach „normal“. Dennoch tat es weh.

Ich war anders und ich konnte es niemandem sagen. Dieser für meine Selbstverwirklichung grausame Situation verdanke ich einige Narben. Erst sehr viel später traute ich mich, meine Sorgen, die ich jahrelang in mich hinein gefressen hatte, vorsichtig auszusprechen. Ich kam in ein anderes Umfeld, das mir Reifer erschien und traf sogar Menschen, denen es ähnlich ging. Mich verblüffte, dass sie so gut damit klar kamen.

Durch den Austausch mit meinem neuen Umfeld konnte ich zu mir finden. Ich konnte sein, wer ich sein wollte und ich lernte langsam, mich wohler zu fühlen. Ich will kein Junge sein. Ich fühle mich falsch in diesem Körper. Die Angst vor dem, was die Leute denken, schwand langsam, dank der Unterstützung meiner neuen Freunde. Und ich fing an, mich so zu kleiden, wie ich mich wohl fühlte, und meine Bewegungen meinem Charakter anzupassen. Man könnte mich von außen betrachtet nun fast für eine Frau halten. Und ich fühlte mich wohl. Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich frei und konnte mich verwirklichen.

In meinem Alltag begegneten mir oft Leute, die wenig Verständnis für meinen Charakter hatten. Sie fühlten sich, zumindest was ihr Geschlecht anging, wohl der Mehrheit, dem „normalen“, entsprechend. Ich verstehe bis heute nicht, was genau diese Menschen mit ihren Beleidigungen oder ihren „Heilversprechen“ kritisieren wollen. Werfen sie mir vor, dass ich mich meinem Wohlbefinden entsprechend entfalte? Sind sie vielleicht in Wahrheit eifersüchtig, weil sie sich selbst in irgendwelchen Aspekten nicht aus den Fesseln der gesellschaftlichen Norm befreien können? Oder werfen sie mir vor, dass ich mich so wohl fühle, wie ich bin? Und wenn es das ist, bezieht sich dieser Vorwurf dann auf meine Gene, auf meine Eltern, oder auf mein Umfeld?

Manchmal wünschte ich mir, sie würden in meiner Haut stecken, sodass sie das erleben, was ich erlebt habe. Aus meinen Augen. Dann würden sie es vielleicht besser verstehen können.
Aber es geht mir nun besser. Wenn ich über diese immer seltener werdenden negativen Erfahrungen hinwegsehe, kann ich man Leben nun endlich genießen.

Doch jedes Mal, wenn ich vor den Toiletten stehe, und nicht weiß, durch welche der beiden Türen ich gehen soll, fühle ich mich einsam.

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